Frieden macht Schule Blog

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Anziehung und Rückzug

Frei denken - nicht mitlaufenPosted by Dr. Gertrud Müller 23 Sep, 2018 09:15:51

Es gibt Augenblicke in unserem Leben, da fühlen wir uns magisch angezogen. Menschen, Bilder, Musik, Farben, Töne, Natur, ein schöner Sonnenaufgang, Gerüche... wie ein Zauber kommen Dinge in unser Leben. Wir spüren Sehnsucht, Erfüllung, Neugierde, Freude, Spannung; wir erleben uns motiviert, interessiert, fasziniert...wir gehen nach außen knüpfen Kontakte, wagen Abenteuer, erleben Neues.

An anderen Tagen fühlen wir uns angespannt, enttäuscht, gereizt, übersättigt; wir brauchen Ruhe, Erholung, Rückzug, Alleinsein... wir verkriechen uns in unseren vier Wänden.

In sozialen Beziehungen ist es manchmal schwierig, wenn der eine gerade Rückzug braucht und der andere Abwechslung. Oft verurteilen wir andere, wenn sie sich zurückziehen, während wir gerade Nähe brauchen. Wir sind enttäuscht, wenn andere Neues erleben wollen, während wir Ruhe brauchen. Wir können die Vielzahl der eigenen gefühlten Bedürfnisse kaum ordnen, oft nur vage verstehen und deshalb oft nicht ansprechen. Noch viel schwieriger ist es die Bedürfnisse der andern zu verstehen und zu achten. In solchen Situationen neigen wir Menschen zu gegenseitigen Vorwürfen … wie kannst du nur,... was fällt dir ein, ....stell dir vor. was der sich einbildet,…

Mit rein körperlichen Bedürfnissen ist das etwas einfacher. Die meisten Menschen verstehen, dass ein anderer Hunger oder Durst haben kann, obwohl ich gerade satt bin. Die meisten Menschen können nachvollziehen, dass eine Freundin müde sein kann, während ich ausgeschlafen bin.

Unsere gefühlten Bedürfnisse sind in jeder Situation anders. Wenn wir von unseren Mitmenschen erwarten, dass sie immer unsere Bedürfnisse erkennen und erfüllen, überfordern wir sie. Ignorieren und missachten wir die Bedürfnisse von anderen, verletzen wir unsere Mitmenschen mit Achtlosigkeit. Jeder Mensch hat Bedürfnisse der Nähe, jeder hat Interessen und wünscht sich Abwechslung; und jeder Mensch braucht in anstrengenden Lebensphasen Rückzugsmöglichkeiten. Sprechen wir unsere Wünsche an und sagen wir dem anderen, warum wir gerade so fühlen, wie wir fühlen, dann können unsere Mitmenschen eher verstehen was los ist, dann können sie unsere Bedürfnisse hören und achten. Werden die gefühlten Bedürfnisse in Partnerschaften, Familien und bei Arbeitskollegen geachtet und respektiert, dann können unsere Beziehungen aufblühen. Es ist eine Kunst das Leben so auszubalancieren, dass es mir selbst gut geht und den Mitmenschen in meiner Nähe. Jede Kunst braucht einige Zeit bis wir Meister werden.

Es macht Sinn die Kunst von Anziehung und Rückzug, die Kunst der unterschiedlichen Bedürfnisse zu lernen. Ein ausbalanciertest Leben und ein wertschätzendes Zusammenleben ist ein wertvoller Schatz, für den sich so manche Mühe lohnt.

Ich wünsche uns viel Freude und Geduld beim Umgang mit Anziehung und Rückzug und den vielen anderen Bedürfnissen.

Eine schöne neue Woche

Gertrud Müller